Vom Wert des Geldes

Faust und Mephistopheles in der Studierstube. Bild: Public Domain

Jeder von uns benutzt es täglich, aber kaum einer fragt sich, wie es seinen Wert erhält: Die Rede ist vom lieben Geld. Dass Geld (zumindest in unserem Alltag) wertvoll ist, wird wohl niemand bestreiten. Schliesslich lassen sich sämtliche Güter und Dienstleistungen mit diesen Münzen und Noten und mit diesen Zahlen, die sich auf unseren Bankkonti befinden, bezahlen.

Wie erhält Geld aber seinen Wert? Eines ist offensichtlich: Im Geldmaterial kann der Wert des Geldes nicht liegen. Die Noten sind bedrucktes Papier, die Münzen bestehen aus billigem Metall, das mit einer Prägung versehen ist, und das elektronische Geld hat gar keinen Materialwert mehr. Wie erhält Geld also seinen Wert?

Die klassische Ökonomie beantwortet diese Frage mit Hilfe einer simplen Gleichung:

Geldmenge = Gütermenge

Geld erhält in dieser Sichtweise seinen Wert durch die Gütermenge, die dem Geld gegenübersteht. Geld repräsentiert diese Gütermenge und lässt sich folglich gegen Güter (und Dienstleistungen) tauschen.

In der Praxis geschieht dies wie folgt: Jemand verrichtet Arbeit (erzeugt ein Gut oder leistet eine Dienstleistung) und schafft dadurch einen Wert. Wenn nun der Leistungserbringer bereit ist, den von ihm erzeugten Wert gegen Geld an einen anderen, den Leistungsempfänger, abzutreten, und der Leistungsempfänger wiederum bereit ist, einen bestimmten Geldbetrag für diesen Wert zu bezahlen, dann hat dieses Geld soeben einen Wert erhalten.

Der Wert des Geldes entspricht exakt dem Wert des getauschten Gutes (Preis). Der Wert des Gutes (und damit auch der Wert des Geldes) wird somit durch Angebot und Nachfrage bestimmt; oder in anderen Worten: Der Wert des Geldes beruht auf einer Übereinkunft, die bei jedem Tauschgeschäft neu verhandelt werden muss.

Geld kann also nur dann wertvoll sein, wenn bereits Werte vorhanden sind resp. geschaffen wurden. Diese Ansicht hat eine hohe Plausibilität; sie entspricht auch unserer Alltagserfahrung. Wie wir sehen werden, ist das aber nur die halbe Wahrheit.

Geldschöpfung mit Mephistopheles

Um dies zu zeigen, sehen wir uns einige Passagen des Faust II von Johann Wolfgang von Goethe an. Bereits vor knapp 200 Jahren erkannte Goethe, dass dem Geldwert noch ein anderes Prinzip zugrunde liegen kann; und Goethes Worte sind heute von ungeahnter Aktualität.

Die Ausgangslage im Faust II ist folgende: Dem Kaiser fehlt es an Geld. Er hat zu viel ausgegeben und sucht verzweifelt nach Möglichkeiten, um seine Geldprobleme zu lösen. Just in diesem Moment tritt Mephistopheles (der Teufel) auf den Plan. Dieser spricht:

Wo fehlt’s nicht irgendwo auf dieser Welt?
Dem dies, dem das, hier aber fehlt das Geld.
Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen;
Doch Weisheit weiss das Tiefste herzuschaffen.
In Bergesadern, Mauergründen
Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,
Und fragt ihr mich, wer es zu Tage schafft:
Begabten Mann’s Natur- und Geisteskraft.1

Mephistopheles deutet hier an, dass er eine Lösung für die Geldprobleme des Kaisers kennt. Besonderes Augenmerk sei darauf gelegt, dass Mephistopheles› Lösung offenbar auf körperlicher Arbeit (Naturkraft), aber auch auf Geisteskraft beruht. Primär ist es eine Idee, die die Geldprobleme des Kaisers lösen soll. Der Kaiser ist vorerst skeptisch, er hat Mephistopheles› Vorschlag noch nicht verstanden, trotzdem bittet er ihn, zur Tat zu schreiten und nicht bloss zu reden. Der Kaiser erwidert:

Dadurch sind unsre Mängel nicht erledigt,
Was willst du jetzt mit deiner Fastenpredigt?
Ich habe satt das ewige Wie und Wenn;
Es fehlt an Geld, nun gut, so schaff es denn!2

Darauf wieder Mephistopheles:

Ich schaffe was ihr wollt und schaffe mehr;
Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer.
Es liegt schon da, doch um es zu erlangen,
Das ist die Kunst, wer weiß es anzufangen?
Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften,
Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften,
Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte,
Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte;
So war’s von je in mächtiger Römer Zeit,
Und so fortan bis gestern, ja bis heut.
Das alles liegt im Boden still begraben,
Der Boden ist des Kaisers, der soll’s haben.3

Mephistopheles wird hier konkreter. Er eröffnet dem Kaiser, dass er Geld in beliebiger Menge erzeugen kann. Und dieses neu geschaffene Geld steht in einem gewissen Zusammenhang mit den Schätzen (Edelmetalle oder andere Rohstoffe), die im Boden des Kaiserreichs verborgen sind. Diese Schätze würden zu Recht dem Kaiser gehören. Der Kaiser aber hat Mephistopheles› Idee noch immer nicht verstanden, er willigt aber ein – unter dubiosen Umständen, er kann sich später nicht mehr an seine Einwilligung erinnern – und lässt seine Untergebenen und Mephistopheles zur Tat schreiten. Kurze Zeit später ist das erste Papiergeld im Reich des Kaisers in Umlauf. Der Kanzler spricht:

Beglückt genug in meinen alten Tagen. –
So hört und schaut das schicksalschwere Blatt,
Das alles Weh in Wohl verwandelt hat.
(Er liest.)
Zu wissen sei es jedem, der’s begehrt:
Der Zettel hier ist tausend Kronen wert.
Ihm liegt gesichert, als gewisses Pfand,
Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland.
Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,
Sogleich gehoben, diene zum Ersatz.“4

Nun sehen wir klarer, was Mephistopheles› Vorschlag beinhaltete: Der Kaiser sollte Papiergeld in Umlauf bringen, das durch die noch nicht gehobenen Bodenschätze seines Reiches gedeckt ist. Auch hier erhält das Geld seinen Wert durch eine Gütermenge, die dem Geld gegenübersteht, jedoch, und dies ist entscheidend, ist diese Gütermengenoch nicht (oder nur zum Teil) verfügbar. Die Edelmetalle müssen zuerst gehoben werden, erst dann kann das Papiergeld in diese umgetauscht werden. Der Geldwert ist hier also durch eine zukünftige Leistung gedeckt. Quasi aus dem Nichts kann der König so Geld in beliebigen Mengen erzeugen. Faust erkennt sehr klar, auf was dieses Geldsystem beruht. Er spricht:

Das Übermass der Schätze, das, erstarrt,
In deinen Landen tief im Boden harrt,
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.5

Der Wert dieses Geldes beruht auf dem Vertrauen in das Versprechen des Kaisers, dass es, wenn es jemand möchte, in Gold umgetauscht werden kann. Mephistopheles fasst seine Idee abschliessend mit folgenden Worten zusammen:

Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
Ist so bequem, man weiss doch, was man hat;
Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
Kann sich nach Lust in Lieb und Wein berauschen.
Will man Metall, ein Wechsler ist bereit,
Und fehlt es da, so gräbt man eine Zeit.
Pokal und Kette wird verauktioniert,
Und das Papier, sogleich amortisiert,
Beschämt den Zweifler, der uns frech verhöhnt.
Man will nichts anders, ist daran gewöhnt.
So bleibt von nun an allen Kaiserlanden
An Kleinod, Gold, Papier genug vorhanden.6

Fazit: Wir ersehen aus Goethes Worten, dass Geld seinen Wert auch erst durch eine zukünftige Leistung erhalten kann. Zum Zeitpunkt der Geldschöpfung ist dieses Geld faktisch wertlos. Es kann aber nicht vom wertvollen Geld unterschieden werden. Auch mit diesem wertlosen Geld können Güter und Dienstleistungen gekauft werden. Dies geht aber nur solange gut, wie die Untertanen des Kaisers an den Wert des Geldes glauben. Sobald sie das Vertrauen verlieren und ihr Geld vermehrt gegen Edelmetalle tauschen wollen, hat der Kaiser ein Problem. Er muss dann seine Untertanen anweisen, möglichst schnell die Edelmetalle zu heben, gelingt ihm das nicht, bricht das Geldsystem zusammen.

Man könnte auch sagen, es handle sich hier um einen magischen Akt, um die Realisierung des Opus Magnum, des grossen Werkes, bei dem Wertloses wie durch Zauberhand in Wertvolles verwandelt wird. Der Kanzler erkennt diesen Sachverhalt mit folgenden Worten:

Der Satan legt euch goldgewirkte Schlingen,
Es geht nicht zu mit frommen rechten Dingen.7

„Geld aus dem Nichts“ heute allgegenwärtig

Heute ist Mephistopheles› Geldsystem allgegenwärtig. Die expansive Geldpolitik der Notenbanken sowie die Kreditwirtschaft der Geschäftsbanken beruhen genau auf diesem Prinzip. Es wird Geld in Umlauf gebracht, dem noch keine Güter gegenüberstehen. In den letzten Jahren haben die FED und die EZB unzählige Milliarden von Dollars resp. Euros in das Wirtschaftssystem gepumpt. Dieses Geld solle die Wirtschaft ankurbeln, so sagt man, es soll also ermöglichen, diejenigen Güter zu erzeugen, die diesem Geld erst einen Wert geben. Gleiches trifft auf die Kreditwirtschaft der Geschäftsbanken zu. Wenn Geschäftsbanken einen Kredit gewähren, erzeugen sie Geld (Geldmultiplikator). Auch diesem Geld steht noch keine Gütermenge gegenüber, die Gütermenge muss erst erzeugt werden.

Wird Mephistopheles› Prinzip behutsam angewendet, ist es wenig problematisch. Es ist dann lediglich eine leichte Inflation zu erwarten. Mittlerweile sind wir aber von „behutsam“ meilenweit entfernt. Geld ist auf dem besten Wege, eine reine Luftnummer zu werden, die jeder real-wertvollen Grundlage entbehrt – Hyperinflation könnte die Folge sein.

Mephistopheles› Prinzip – oder der unbedachte Umgang damit – war übrigens auch die Ursache der Finanzkrise 2007/8. Die Geschäftsbanken haben damals zu viele Hypothekarkredite gesprochen. Zahlreiche Kreditnehmer waren dann nicht in der Lage, die Leistung zu erbringen, die diesem Geld nachträglich einen Wert hätte beimessen können. Dies hat das Geldsystem an den Rand des Abgrundes gebracht.

Es wäre also an der Zeit, diese Geldpolitik zu hinterfragen. In einem nachhaltigen Geldsystem müssen Geld- und Gütermenge (wenn überhaupt) ungefähr gleichmässig wachsen. Leider ist dies heute nicht der Fall. Die Notenbanken pumpen immer mehr Milliarden ins System, in der Hoffnung, dass schon alles gut werden wird. Diese Hoffnung ist aber eine Illusion, so ist die nächste Krise vorprogrammiert und sie wird schlimmer werden als die Krise von 2007/8.

1 Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1997, S. 18.

2 Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, S. 19f.

3 Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, S. 20.

4 Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, S. 67.

5 Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, S. 69.

6 Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, S. 69f.

7 Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, S. 20.